h1

Überlegungen zur VIP-Oligarchie

03.01.2008

Vielerorts wird kritisiert, dass die Parteien Ihre Rolle nicht mehr korrekt wahrnehmen, und Gesetze vor allem von Lobbyisten, Versicherungsvertretern und Medienbossen gestaltet werden, die sich teilweise als Experten, Insitute und so ausgeben.

Hier mal ein paar Überlegungen dazu. Also bei den Parlamenten und den Parlamentsausschüssen scheint es wohl ganz massiv das Problem des Reformen- und Themenspams zu geben. Das hört man immer wieder von Parlamentariern und Lobby-Noobs, da MUSS einfach was dran sein. Noch schlimmer muss die Situation wohl bei den Parteispitzen sein. Man sagt ja, dass teilweise in den Ausschüssen die Probleme und Sachmängel eines Gesetzesentwurfs wohl erkannt werden, aber die Entwürfe trotzdem „mutwillig“ so durchgewunken werden oder höchstens noch vorab erhaltene Extrawürste der Fraktionsführung eingebacken werden, ohne den ernsthaften Versuch einer sachlichen Nachbesserung, wenn diese auch nur geringste inhaltliche Verschiebungen zur Folge haben könnte. Das kann ich mir nur damit erklären, dass ein Dialog mit der Fraktionsspitze nicht möglich ist, weil die da keine Zeit haben.

Jetzt habe ich mir mal überlegt woran das denn überhaupt liegen kann, dass die da so extrem zugespämmt werden, dass keine Handlungsfähigkeit mehr vorhanden ist. Meines Erachtens dürfte das vor allem an der Herkunft der Initiativen liegen: Das sind heute in aller Regel irgendwelche EU-Komissare und Behörden, die Tag und Nacht „Mißstände“ suchen und daraus wohlklingende „Richtlinien“ am laufenden Band generieren, die dann „nur noch“ in praktische Gesetze zu giessen sind. Es liegt wirklich nur allzu nahe, dass bei dieser Organisationsstruktur da in den Parlamenten/Ausschüssen keine Sau mehr hinterherkommt geschweige denn sich den ganzen Kram überhaupt noch durchlesen kann…

Abgesehen davon, dass dieser Gestaltungsfahrplan mit Demokratie nix mehr zu tun hat, tritt dabei natürlich auch verstärkt das Problem der „Profi-Experten“ auf:

FRGZCHN-Postulat #1:
Je einflussreicher und angesehener ein „Experte“ ist, desto höher wird die Gefahr, dass die Agnostik in seinem Weltbild Lochfraß erleidet und / oder eigentlich sehr fragwürdige Partikularinteressen nicht mehr Reflektiert werden können, sondern von ihm als unverhandelbarer Grundsatz wahrgenommen werden.

FRGZCHN-Postulat #2:
Je einflussreicher und angesehener ein „Experte“ ist, desto stärker wird er mit Partikularinteressen zugespämmt und von Interessenvertretern umgarnt.

Unter „Agnostik“ verstehe ich hier die Charaktereigenschaft, sich selbst und idealerweise auch anderen gegenüber eingestehen zu können, dass man sich trotz aller Nachforschungen über eine Sache nicht sicher ist bzw. bestenfalls heuristische Spekulationen anstellen kann. Der Mangel an Agnostik zeigt sich im Resultat z.B. daran, dass Werte/Rechte streng sortiert werden, selbst wenn dies in der Praxis zu absurden Ergebnissen führt (vgl. Buskeismus: Meinungsfreiheit vs Ehre).

Vielleicht sollten die Chefs der Gestaltung (das sind in Europa zur Zeit glaube ich die Regierungschefs?) wieder mehr auf das Potential Ihrer Basis setzen. Bei der Wikipedia funktioniert das doch aus. Der Vorteil dabei wäre, dass die weniger renommierten Experten der Basis tief in der Praxis stecken und gemeinsam vielleicht etwas mehr Distanz und eine etwas breitere Perspektive auf eine bestimmte Sache haben und im Gegensatz zu den Super-Experten auch in der Lage sind, ein Programm auch mit einer heuristischen Sicht der Sachlage auf Risiken und Nebenwirkungen zu überprüfen. Ausserdem kann auf der unteren Ebene offener und effektiver debattiert werden. Man darf auch mal einen Gedanken äussern, den der „Gegner“ im Anschluss als nicht haltbar darlegen könnte. Man darf sich auch mal irren.

Advertisements

2 Kommentare

  1. „Vielleicht sollten die Chefs der Gestaltung (das sind in Europa zur Zeit glaube ich die Regierungschefs?) wieder mehr auf das Potential Ihrer Basis setzen.“ Um Gottes Willen! Stellen Sie sich doch vor, dass jemand die Regierungen mit Sachverstand berät! Sofort hätten Sie ein anderes Problem: die Selbstverliebtheit egozentrischer Professoren oder Institute würden nur der Aufträge halber eine Gegenposition aufbauen. Dieses Szenario würde aber bedeuten, Sie brauchen Sachverstand, die eine Position gegen die andere abzuwägen! Der wunderschöne circulus vitiosus!


  2. Stimmt! Wenn man nicht abwägen muss, weil einem eh nur eine Position bekannt ist, ist es natürlich viel leichter eine Entscheidung zu treffen! 😉



Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: