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Überlegungen zur Rettung des Kapitalismus

24.01.2008

In der Deutschland-Debatte hatte ich im Kommentarbereich bereits das Thema angerissen, dass die kapitalismusimmanente Kapitalkonzentration ein künstliches Gegengewicht benötigt, da sonst die Kaufkraft der Massen gegen null strebt. Die Zahlungsmittel müssen auf Dauer irgendwie von den „Idle People“ zurückgewonnen werden.
Noch unter Kohl wurde diese Rückgewinnung von den Gewerkschaften wahrgenommen und hat in Kombination mit moderater staatlicher Neuverschuldung zu Gunsten des Präkariatskonsums und nicht voll gesättigten Märkten und daraus resultierender Investitionsmöglichkeiten offensichtlich ausgereicht, um die Massen mit zumindest gleichbleibender Kaufkraft auszustatten. Dass die Gewerkschaften in der globalisierten Wirtschaft heute handlungsunfähig sind und allenfalls noch punktuell gewisse Pyrrhussiege erzielen können, nehme ich jetzt einfach mal als Konsens an: Die Gewerkschaften können ja einfach durch internationale Standortverlagerungen zermürbt werden (falls eine Verlagerung nicht wirklich möglich ist, dürfte die Drohung im Zweifel auch reichen), es gilt das Prinzip des schwächsten Gliedes in der Kette.
Desweiteren verengen die derzeitig bis aufs Blut geführten politischen Lagerkämpfe zwischen der (meines Erachtens in der Versicherungswirtschaft geborenen) Strömung des neoliberalen Wirtschaftsfaschismus und der Strömung des linksnationalen Wirtschaftsermächtigungssozialismus erheblich die Sicht auf das Globalisierungsgeschehen mit seinen zahlreichen Prozessen und Mechanismen, was natürlich überhaupt nicht hilfreich ist. Gerade von den „Experten“ der Läger wird zur Zeit so viel Schall und Rauch und absoluter Bullshit produziert, wie wohl selten zuvor.
Praktische – und auch technisch umsetzbare – Möglichkeiten zur Liquiditätsrückgewinnung fallen mir aber schon spontan so einige ein, viele schwarze Löcher des Geldkreislaufs sind ja nicht besonders gut versteckt. Angefangen bei einer volkswirtschaftswissenschaftlichen Neuuntersuchung möglicher Konstruktionsfehler der Riester-Rente durch zur Abwechselung mal glaubwürdige Volkswirtschaftswissenschaftskundige, über eventuelle Laufzeitverkürzungen geistiger Schutzrechte, Reduzierung produktionsferner Verwaltungs- und Kostenschikanen für kleine und mittlere Betriebe, einer globalisierungsgerechten Neugestaltung der Erbschaftssteuer, Einstellung der Gießkannen-Wirtschaftsförderung und dafür steuerliche Entlastung kleiner und mittlerer Einkommen – sicher gibt es noch viele weitere mögliche Maßnahmen, von denen ich keine Ahnung habe, wo man aber auch ohne Reichstagsbrand durchaus was umsetzen könnte.

Grundlage der Besserung ist aber bekannterweise die Einsicht. Das halte ich für die wichtigste Maßnahme, Öffentlichkeit und Politik über die wirklich wichtigen Mechanismen der Globalisierung zu informieren und das Thema aus dem Schatten des Programmkonflikts unserer Volksparteien zu befreien. Hier wären die verbliebenen unabhängigen Medien gefragt *hüst*. Um diesen zugegebenermaßen etwas schwerverdaulichen Content auch Infotainment-gerecht zu servieren, könnte sich ja mal ein investigativer Journalist in irgendwelchen DDR-Medienarchiven umschauen, da gibt es sicher auch in Bezug auf die DDR-Zeit ganz interessantes und unterhaltsames Material zur Epoche der industriellen Revolution mit den raffgierigen Kapitalisten und den jungen Gewerkschaftsbrüdern und so.

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9 Kommentare

  1. „Dass die Gewerkschaften in der globalisierten Wirtschaft heute handlungsunfähig sind und allenfalls noch punktuell gewisse Pyrrhussiege erzielen können, nehme ich jetzt einfach mal als Konsens an: Die Gewerkschaften können ja einfach durch internationale Standortverlagerungen zermürbt werden (falls eine Verlagerung nicht wirklich möglich ist, dürfte die Drohung im Zweifel auch reichen), es gilt das Prinzip des schwächsten Gliedes in der Kette.“ -> Die Aussage ist sicherlich richtig, aber wir befinden uns mit der Argumentation inmitten der Prozesskette! Ich wage einmal folgende Thesen:

    1. Bis in die Ende der 90er Jahre waren unsere Haushalte mit Geräten … sehr gut ausgestattet, so dass kaum noch Nachfrage bestand. Die Produktionskapazitäten überstiegen die Ersatzbeschaffungs- Nachfrage bei weitem! Damit entstand für die Unternehmen eine ungünstige Kostensituation und sie suchten Ausweitungsmöglichkeiten für ihre Produkte über neue Märkte.

    2. Der Lohnniedergang und die partielle Verarmung führt dazu, dass Ersatzbeschaffungen immer mehr zurückgestellt werden; indem der Staat Bevölkerungsschichten verarmen lässt, schafft er einer Bugwelle gleich ein Nachfragepotential. Man kann auch ganz gehässig sagen, was der nicht vorhandene Krieg nicht geschafft hat, nämlich Güter zu zerstören, schafft man durch sozialen Niedergang.

    Nun die Kernfrage der Thesen: ist der heutige Wirtschaftsprozess also nichts anders als eine Sättigungskrise?


  2. Die gefühlte „Sättigung“, die Sie meinen, ist wohl eher das Ausbleiben der Steigerung? Irgendwann ist bei der Produktionsoptimierung halt das Ende der Fahnenstange erreicht und nur noch kleine Verbesserungen möglich. Produzier eine Waschmaschine, krieg zwei zurück funktioniert halt nur wenn zwischenzeitlich die Herstellungseffizienz verdoppelt wurde. Das ist „Gottgegeben“ und das Wirtschaftssystem hat sich darauf einzustellen.


  3. „Die gefühlte “Sättigung”, die Sie meinen, ist wohl eher das Ausbleiben der Steigerung?“ -> nein, ich beziehe mich auf eine Statistik des Statistischen Bundesamted über das Vorhandensein an Gerätschaften in den Haushalten.

    „Irgendwann ist bei der Produktionsoptimierung halt das Ende der Fahnenstange erreicht“ -> ja, absolut richig, prozentual falsch. Aber diese meine Aussage stimmt nur, wenn ich das System um „mich“ ziehe. Wenn ich das System verlasse, beispielsweise in einem anderen Wirtschaftsgebiet produziere, dann beginnt die Spirale von vorn!


  4. Ich gebe Ihnen gern eine Hilfestellung zur Datenansicht:
    1. Rufen Sie auf: https://www-genesis.destatis.de/genesis/online/logon
    2. einloggen als Gast- Nutzer / unter „Tabellen“ Katalog anklicken / unter „Auswahl“ die Nummer 63111-0004 eintragen und auf das kleine Dreieck klicken / Abrufen klicken.

    Wenn Sie nun die Tabelle mal sortieren, dann finden Sie einige wenige Ausstattungsgüter, die wirklich fehlen! Beispiel: 30% der Haushalte haben nicht: Camcorder (Videokamera) digital, MiniDisc-Player/Recorder, Camcorder (Videokamera) analog, Spielkonsole, Telefaxgerät stationär, Camcorder (Videokamera), PC mobil (Notebook, Laptop, Palmtop), ISDN-Anschluss, Sportgeräte (Hometrainer), Wäschetrockner, MP3-Player, Personenkraftwagen fabrikneu gekauft, Satellitenempfangsanlage, Anrufbeantworter stationär, Kabelanschluss, Digitalkamera (Fotoapparat digital), Personenkraftwagen gebraucht gekauft, Geschirrspülmaschine, Internetanschluss, -zugang.

    Wenn Sie sich die Sachen ansehen, dann gibt es zu einigen Gütern Alternativen, so dass diese nicht unbedingt ein fehlender Bestand sind, ob sich Tante Erna unbedingt einen stationären Anrufbeantworter anschaffen muss, das weiß ich nicht – will heißen, da sind Güter dargestellt, die man nicht unbedingt in jedem Haushalt haben muss, „MiniDisc-Player/Recorder/MP3-Player“ in einem Rentnerhaushalt?, auch Hometrainer werden nur begrenzt im Rentnerhaushalt zu finden sein!,

    so dass übrig bleiben

    Geschirrspülmaschine ( neue Küche, Platzmangel ) und Wäschetrockner.
    Das wird keine volkswirtschaftliche Relevanz zum BIP haben!


  5. […] ist heute eine erstklassige Ausstattung zu finden, siehe Statistisches Bundesamt, Nr. 63111-0004 ( Anleitung zum Aufrufen dieser Statistik siehe Kommentar 4 ), so dass von dort bestenfalls eine Reisenachfrage kommt und die Ausgaben gehen im wesentlichen […]


  6. Andersherum gilt aber auch: Wer schon alles hat, braucht auch weniger. Eine durch allgemeinen Wohlstand herbeigeführte Nachfrageschwäche kann also nicht fundamental ursächlich für eine Wirtschaftskrise mit Armut, Massenarbeitslosigkeit(TM) und so sein, sondern höchstens der vordergründige Auslöser der Krise sein, die wirkliche Ursache muss aber in einen Konstruktionsfehler des Systems oder in grob falsch eingestellter Regulierung oder ganz wo anders liegen. Ausserdem steht für mich ausser Frage: Wenn die Deutschen Massen mehr Geld hätten, würden sie auch mehr kaufen. Nur eben weniger solche Güter, deren Produktion laufend effizienter wird. Ein Einfamilienhaus z.B. ist ein sehr beliebtes Gut, was aber nur wenige ihr Eigen nennen können.


  7. „Andersherum gilt aber auch: Wer schon alles hat, braucht auch weniger.“ -> wie herum auch immer, Ergebnis ist, dass die Produktionskapazitäten nicht erforderlich ist, weil durch Stättigung die Nachfrage reduziert ist; insofern Einigkeit!

    „Eine durch allgemeinen Wohlstand herbeigeführte Nachfrageschwäche kann also nicht fundamental ursächlich für eine Wirtschaftskrise mit Armut, Massenarbeitslosigkeit(TM) und so sein, sondern höchstens der vordergründige Auslöser der Krise sein, die wirkliche Ursache muss aber in einen Konstruktionsfehler des Systems oder in grob falsch eingestellter Regulierung oder ganz wo anders liegen.“ -> erstens ich möchte nicht von „Schuld“ sprechen. Lassen Sie uns Ursache – Wirkung nennen. Ursache für reduzierte Nachfrage ist die Sättigung, das ist meine Argumentation. Die Wirkung dieser reduzierten Nachfrage ist Reduzierung der Produktionskapazitäten, Verlagerung der Kapazitäten. Logische Konsequenz von der Verlagerung: Belieferung des deutschen Marktes aus dem Verlagerungsstandort ( schauen Sie, NOKIA will es genau so machen! ).

    These: es ist kein Konstruktionsfehler des Systems sondern ein quasi natürlicher Prozess.

    „usserdem steht für mich ausser Frage: Wenn die Deutschen Massen mehr Geld hätten, würden sie auch mehr kaufen. Nur eben weniger solche Güter, deren Produktion laufend effizienter wird. Ein Einfamilienhaus z.B. ist ein sehr beliebtes Gut, was aber nur wenige ihr Eigen nennen können.“ -> fast einig; wichtig ist, dass auch Sie sagen, der Kauf von Gütern, die bereits als gesättigt anzusehen sind, das wird nicht passieren. „Einfamilienhaus“, da könnte was dran sein, wäre Europa/wäre die EU Amerika, wo ich mal eben für ein paar 10K so was hinstellen kann. Der Staat und auch die GRÜNEN haben toll gewirkt, dass diese Freiheit hier nicht möglich ist.

    Bleibt also besonders herauszustreichen, die Sättigung bei gegebener langsamer Innivation hat etwas „natürliches“ an sich!


  8. und wie ist nun unser Schluss aus der Diskussion?


  9. Tut mir leid, aber wenn der „natürliche Prozess“ der Nachfrageschwäche wegen Wohlstand zu einer „Wirtschaftskrise mit Armut, Massenarbeitslosigkeit(TM) und so“ führt, dann finde ich kann man da schon von einem Konstruktionsfehler oder zumindest groben Regulierungsfehlern sprechen.

    Vielleicht sollte man sich als erstes mal mit der Frage beschäftigen, ob unsere Volksparteien uns wider besseren Wissens das volkswirtschaftliche Seelenheil durch Agenda 2010, „private Altersvorsorge durch die Mafia(TM)“ , den Unternehmenssteuerreformen und durch weitere Intensivierung der Brüsselokratie versprechen, oder ob die Verantwortlichen da wirklich selbst dran glauben, und dann überlegen, ob man sich weiter ernsthaft mit der Sachdiskussion befassen, oder nur noch Hetze betreiben sollte.



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